Finanz und Wirtschaft interviewt Martin Biber

Im Mittwochsinterview der Zeitung „Finanz und Wirtschaft“ nimmt Martin Biber Stellung zum Anlageansatz und der Ausrichtung des Portfolios.

Herr Biber, wie sind Sie zurzeit investiert?

Wir haben nur Aktien in unserem Portfolio. Aufgrund der gesamtwirtschaftlichen Faktoren und der Unternehmensgewinne sind Aktien heute die einzige Anlageklasse, bei der das Risiko-Rendite-Profil stimmt. Bei Staats- und Unternehmensanleihen ist das nicht mehr gegeben. Wir investieren grundsätzlich nur in einzelne Aktien, Bonds und in Gold – zurzeit jedoch nur in Aktien.

Halten Sie 100% Aktien, oder auch Cash?

Unser heutiges Portfolio besteht aus 50% Aktien und 50% Cash. Die technische Analyse zeigt einen Seitwärtstrend, der Markt ist technisch schon etwas angeschlagen. Bei einer Aktienquote von 100% haben wir zwischen zwanzig und dreissig Einzeltitel, wobei ein Titel nie ein Gewicht von mehr als 5% am Gesamtportfolio hat. Banken halten in ihren Aktienmodulen zwecks Risikodiversifikation oft hundert und mehr Einzelaktien. Für uns bedeutet Diversifikation etwas anderes: Wir versuchen Risiken zu erkennen und zu verstehen. Nur dann können wir sie bewusst eingehen oder ausschliessen. Wir versuchen nicht, etwas hinter einer grösseren Titelauswahl zu verstecken.

Was sind Ihre Überlegungen, nicht in Bonds zu investieren?

Wer nicht von einem Zusammenbruch der Aktienmärkte ausgeht, kann nicht in Anleihen investieren, vor allem auch wenn die Kosten berücksichtigt werden. Die Renditen der Anleihen sind zu tief. Zudem wollen wir nur in liquide Anlagen investieren. Die Bilanzen sind zwar solide, und die Kreditrisikoprämien sinken. Aber das Verhältnis von Risiko und Rendite stimmt bei Anleihen nicht mehr.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit einer heftigen Korrektur der Aktienmärkte?

Wir argumentieren grundsätzlich nicht mit Wahrscheinlichkeiten. Die Wahrscheinlichkeit eines Einbruchs kann nicht vorausgesagt werden. Niemand weiss, welche Faktoren eine Krise auslösen, das haben die letzten Jahrzehnte gezeigt. Man ist immer erst im Nachhinein klüger.

Es gibt Leute, die die gute Performance von Aktien nicht auf bessere wirtschaftliche Aktivität, sondern allein auf Kosteneinsparungen zurückführen. Eine Korrektur sei nur eine Frage der Zeit.

Teilweise stimmt das. Doch es ist die Aufgabe der Unternehmen, sich kosteneffizient und schlagkräftig aufzustellen. Dass Unternehmen heute gesundere Bilanzen haben und pro Mitarbeiter mehr Gewinn erwirtschaften, ist gut.

Was spricht sonst noch für Aktien?

Die Zinsen sind tief, die Inflation ist vernachlässigbar, der Ölpreis stellt kein Problem für die Wirtschaft dar, und die Investitionen werden eher zunehmen müssen. Das alles bildet einen Boden unter den Aktienpreisen. Auch vorlaufende Indikatoren wie die Einkaufsmanagerindizes sind positiv. Sobald sich diese fundamentalen Faktoren verschlechtern, reduzieren wir unsere Aktienquote.

Worauf basiert Ihre Strategie sonst noch?

Zu den Fundamentalfaktoren kommen die Unternehmensdaten, die ebenfalls für das Halten von Aktien sprechen, sowie die technische Analyse. Brechen die Kurse ab, oder bewegen sich bestimmte Sektoren entgegen unserer Annahmen nicht weiter nach oben, müssten wir die Aktienquote reduzieren, auch wenn die Fundamentaldaten noch ein gutes Bild zeigen.

Wie wählen Sie Ihre Titel aus?

Wenn wir sagen, wir ziehen Aktien vor, differenzieren wir sehr stark – auf Sektorebene und auf Einzeltitelebene. Aktie ist nicht gleich Aktie. In den letzten Monaten haben wir Banken allgemein nicht favorisiert – aber wir haben Banken aus Peripherieländern Europas gekauft. Wir hatten keine amerikanischen, aber italienische Banken im Portfolio. Wir sagen nicht prinzipiell, ein Sektor sei gut oder schlecht. Wir schauen genau in den Sektor hinein: Welche Region, welcher Subsektor interessiert uns? Dann investieren wir in die besten Unternehmungen. Die Währung spielt auch eine Rolle.

Gibt es keine Sektoren, die Sie favorisieren?

Eine solche Aussage widerspricht unserer Philosophie, aber es gibt schon Sektoren, die generell besser laufen als andere. Im Technologiebereich werden weiterhin Speicherkapazitäten gebraucht, wir sind in Western Digital investiert. Wir mögen auch Autozulieferer und den Automobilsektor allgemein. Daimler hat dabei mehr Aufholpotenzial als andere Automobilkonzerne.

Wie steht es mit Gold?

Aus Portfoliosicht könnte man auch den Kauf von Gold als Absicherung überlegen. Goldaktien sind zurzeit attraktiver als physisches Gold.

Wann verkaufen Sie einen Titel?

Wir haben ein sehr striktes Risikomanagement. Finden wir einen Sektor fundamental attraktiv, und die Aktie verliert an Wert, schauen wir nicht zu sondern verkaufen dennoch. Wir haben keine Benchmark und reagieren nicht auf Volatilitätskennzahlen. Für uns relevant ist einzig das absolute Rückschlagspotenzial. Wird dieses zu gross, müssen wir den Titel verkaufen.

Wird ohne Benchmark ein Performancevergleich nicht schwierig?

Nein. Viele Leute sprechen von Benchmarks, ohne genau zu verstehen, was das für sie bedeutet. Dow Jones hat das Konzept der Benchmark, also des Referenzindex, ursprünglich erfunden, um zu zeigen, wie sich der Gesamtmarkt insgesamt bewegt. Heute gibt es für alles eine Benchmark. Doch diese sind nicht mehr aussagekräftig, und sie werden zudem für Performancevergleiche missbraucht und gezielt verändert. Wer ein Grundverständnis über Benchmarks hat, verzichtet viel eher darauf.

Was sagen Ihre Kunden dazu?

Viele unserer Kunden sind Unternehmer. Die wissen genau, dass eine spezielle, aktive Anlagestrategie nie gegen den ganzen Strom gemessen werden kann. Der Unternehmer selbst vergleicht sich ja auch nicht mit Novartis. Der absolute Gedanke ist viel wichtiger. Liegt die Benchmark bei minus Zehn und wir bei minus Acht, ist das ein Misserfolg und kein Erfolg, wie in der Finanzwelt häufig dargestellt. Benchmarking ist Augenwischerei.

Was hat sich an den Aktienmärkten im letzten Jahr verändert?

Die Korrelation von Aktien ist seit dem letzten Herbst deutlich gesunken. Es gilt nicht mehr Risk-on-risk-off über alle Aktienmärkte, wie das lange der Fall war. Was bedeutet das Wegbrechen der Korrelationen für den Investor? Wir dürfen keinen Sektor und keine Region grundsätzlich ausschliessen – und was in einem Land funktioniert, muss nicht zwingend in einem anderen Land sinnvoll sein. In Märkten wie Peripherieeuropa, die stark gelitten haben, gibt es mehr Aufholpotenzial und die Emerging Markets kommen wieder. Aber nur in solche Märkte zu investieren, ist gefährlich. Eine Unterbewertung eines Markts kann sehr lange dauern. Die Bewertung einer Aktie ist natürlich immer wichtig, aber ein Titel nur aufgrund der Bewertung zu kaufen, ist nicht sinnvoll.

Sie sind ein junges, unabhängiges Vermögensverwaltungsunternehmen. Mit welchen Schwierigkeiten kämpfen Sie?

2007/08 wurde viel Vermögen vernichtet. Die Kunden sind verdrossen und gelähmt. Viele fühlen sich von den Banken betrogen, bleiben aber lieber wo sie sind, da sie dort die Stärken und vor allem auch die Schwächen kennen. Sie haben Angst vor Enttäuschungen. Das spüren wir als junge Vermögensverwaltung. Es ist Zeit, dass die Anleger die Verantwortung für das eigene Vermögen wieder übernehmen und sich fragen, ob sie bei ihrer Bank wirklich noch gut aufgehoben sind.

Welche weiteren Trends am Vermögensverwaltungsmarkt sehen Sie?

In den letzten Jahren wurde die Rolle des Regulators gestärkt und es wurde immer mehr Regulierung gefordert. Doch das ist wenig zielführend. Es sollte die Frage gestellt werden: Was ist für den Kunden wichtig? Die Regulierungsflut – oft unter dem Deckmantel des Anlegerschutzes – führt zu enorm hohen Kosten. Grosse Investoren können diese Kosten auf die Banken abwälzen, kleine nicht. Kleinkunden müssen immer mehr Kosten tragen und sind bei Banken immer weniger beliebt; sie werden per Brief aufgefordert, neue Depotbanken zu suchen. Doch Banken müssten auch für Kleinkunden da sein. Dieses Thema sollten Politiker und Regulatoren wieder aufnehmen.

Was macht BiberHummel anders?

Wir kaufen nur liquide Anlagen und bringen den Kunden nicht in teure und illiquide Finanzprodukte. Zudem soll der Kunde sein Portfolio vollständig verstehen. Manche unserer neuen Kunden sind erstaunt, dass jemand anbietet, nur in einfache Aktien und Obligationen zu investieren, nur in Einzeltitel, statt aktive Fonds und strukturierte Produkte. Sie wussten nicht mehr, dass man in einem Depot ganz einfach Aktien und Obligationen halten kann. Unser sehr einfacher und transparenter Ansatz stösst auf viel Interesse.

Was muss der Investor heute besonders beachten?

Wegen dem Wegbrechen der Korrelation werden sich Aktien sehr unterschiedlich und unabhängig voneinander entwickeln.

Quelle: Finanz und Wirtschaft, 21.5.2014

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