Finanz und Wirtschaft interviewt Christoph Hummel

Christoph Hummel nimmt im Mittwochsinterview der Zeitung "Finanz und Wirtschaft" Stellung zur allgemeinen Wirtschaftslage und den aktuellen Investitionsschwerpunkten der Portfolios.

Herr Hummel, worauf muss der Investor heute achten?

Zuerst muss der Investor die persönliche Frage beantworten, wem er sein Vermö­gen anvertraut und welche Renditeerwar­tungen er hat. Im Moment ist höchstmög­liche Sicherheit zu empfehlen.

Was ist heute noch sicher?

Was früher als sicherste Anlageklasse galt, nämlich Anleihen, ist heute die riskan­teste. Die fairsten Risiken bergen Aktien.

Lauert an den Aktienmärkten nicht die Gefahr eines Absturzes, weil die Anlage­klasse allein durch die Geldpolitik in die Höhe getrieben wurde?

Es stimmt, viele Aktiengewinne der letz­ten Monate sind liquiditätsgetrieben, aber es ist zu früh, von einer Blase zu sprechen. Bernanke steuert die Märkte mit seinen Aussagen entsprechend. Was seit Ende Mai und verschärft Ende Juni eintraf, kam ja nicht überraschend. Die US-Notenbank Fed hat frühzeitig darauf hingewiesen, sie wolle die Anleihenkäufe herunterfahren. Man braucht keine Angst vor der Zukunft oder vor einer Blase zu haben.

Weshalb sind solche Befürchtungen unbegründet?

Geht man davon aus, dass die lockere Geldpolitik des Fed in den letzten Jahren nichts gebracht hat, ist es nicht schlimm, wenn sie gestrafft wird. Geht man hingegen davon aus, dass sie erfolgreich war, ist es ebenfalls ein gutes Zeichen, dass sie nun gestrafft wird: Das bedeutet, dass die Kon­junktur Tritt fasst. Im Übrigen ist die Kor­rektur für den Bullenmarkt notwendig und gesund. Die Finanzmärkte können Preise an die zugrundeliegende Realität und die Fundamentaldaten neu anpassen.

Dennoch sind die Investoren nervös.

Die US-Notenbank ist sich bewusst, dass der Transmissionsmechanismus ihrer Geldpolitik auf dem Konsumenten- und dem Unternehmensvertrauen basiert und somit auf fallenden Risikoprämien und steigenden Kursen. Jede vorzeitige bzw. unbegründete Umkehr dieser Trends könnte erheblich auf die Wirtschaft zurückschla­gen. In der Presse wird gern darauf ver­zichtet, zwischen dem Tapering, also der Reduktion der geldpolitischen Lockerung, und dem Tightening, also der Reduktion der Geldmenge über eine Zinserhöhung, zu unterscheiden. Erst Letzteres würde sich auf die allgemeine wirtschaftliche Aktivität auswirken – aber vom Fed auch erst dann eingesetzt werden, wenn die In­flationserwartungen stark steigen und die Arbeitslosigkeit unter die gesetzte Schwelle gefallen ist. Dafür gibt es jetzt keine Anzei­chen, und das Fed hat deutlich gemacht, dass zwischen den beiden Massnahmen ein «grösserer» Zeitraum liegen wird.

Weshalb ist dann die Volatilität an den Finanzmärkten so hoch?

Zu einem Teil dürften bestimmte automatisierte Handelstechniken dafür ver­antwortlich sein, die schon auf kleine Impulse reagieren. Seit Staatsanleihen als unsicher betrachtet werden, sind auch konservative Investoren – eine sehr grosse Anlegerschaft – mit starken Portfolio­schwankungen konfrontiert. Dieser Trend dürfte sich weiter verstärken.

Wie investieren Sie das Geld Ihrer Kunden?

Es gibt viele strukturelle Veränderungen im Markt, und die Ansprüche der Investo­ren haben sich verändert. Um heute als kleines Unternehmen gegen die Konkur­renz zu bestehen, müssen wir das tun, was wir am besten können: einzelne Aktien oder Obligationen auswählen. Dieser An­satz erlaubt uns, genau zu sehen, wie und weshalb sich der Wert eines Portfolios ver­ändert und wie sich die einzelnen Anlage­klassen in Krisenzeiten entwickelt haben.

Wo sind Sie zurzeit investiert?

Der Globalisierungsansatz scheint nicht mehr so erfolgreich zu sein. Wir meiden die Schwellenmärkte und konzentrieren uns auf einige wenige Länder.

Die da wären?

Die USA und Europa.

Was spricht konkret für Titel aus den USA und Europa?

Obschon die amerikanische Wirtschaft nicht stark wächst, stimmen viele Ein­flussfaktoren positiv: tiefe Inflation, ein Rückstau an aufgeschobenen Kapitalinvestitionen der Unternehmen, neue Energiequellen, anziehende Häuserpreise und sich langsam verbessernde Arbeitslosenzahlen. Unabhängig davon, ob ein Land interessante Perspektiven bietet oder nicht, investieren wir nur in Titel von Unternehmen, die in einem interessanten Markt tätig sind, z. B. im Tablet- und Smartphone-Markt. Weitere Möglichkei­ten ergeben sich im Zusammenhang mit dem sich erholenden Häusermarkt. Ein Teil unserer Aktien profitiert somit von globalen Megatrends, ein anderer von lo­kalen Gegebenheiten.

Und in Europa?

In Europa halten wir auch Finanztitel, vor allem im peripheren Bereich. Sie scheinen stark unterbewertet. Von deutschen Ban­ken hingegen halten wir uns zurzeit fern. Wir denken, dass die Probleme in Europa kontrollierbarer geworden sind.

Weshalb meiden Sie Schwellenländer?

Die Bekämpfung von Korruption zur Si­cherung des sozialen Friedens statt die Förderung von Wachstum setzt sich meist unfreiwillig durch – nicht nur in China, sondern auch in vielen anderen Ländern. Schnell und strukturell fragwürdig ge­wachsene Bankensysteme müssen in Ord­nung gebracht und Währungen vor weite­rer Aufwertung bewahrt werden. Insofern halten uns ganz fundamentale Gründe davon ab, den strukturellen Reformnotwendigkeiten dieser Länder vorzugrei­fen und uns dort zu engagieren. Diese Unterscheidung wird nicht zwischen entwickelten und Schwellenländern aufhören, sondern auch für Europa zutreffen. Die Wachstumsaussichten werden inner­halb Europas stark divergieren.

Wie viele Einzeltitel empfehlen Sie für ein Portfolio?

25 bis 30. Bei unserer rein aktienbasierten Strategie schwankt der Aktienanteil zwi­schen 30 und 100% – der Rest ist Cash. Im ausgewogenen Mandat haben wir norma­lerweise einen Mix aus Aktien, Obligatio­nen, Edelmetallen und Cash.

Weshalb sagen Sie «normalerweise»?

Wir haben am 5. Mai sämtliche Obligatio­nen aus den Portfolios verkauft. Das betraf hochverzinsliche europäische Unterneh­mensanleihen genauso wie italienische Staatsanleihen. Die ausgedehnte Tiefzins­phase in den entwickelten Ländern zwang den Blick vieler Investoren auf Hochzins­anleihen. Mit der Popularität dieser Anlei­hen sank die Werthaltigkeit, und Speku­lanten kauften vermehrt Anleihen auf Kredit. Das Risiko-Rendite-Verhältnis ver­schlechterte sich dadurch entsprechend. Unterdessen hat eine heftige Verkaufs­welle stattgefunden. Einen Wiedereinstieg schliessen wir nicht aus, warten aber, bis die Renditen wieder höher sind.

Eine solche Einzeltitelauswahl macht den Vergleich mit einer Benchmark schwierig.

Benchmarks verführen dazu, eine nega­tive Performance zu rechtfertigen. Wir arbeiten nach dem Prinzip, absolut kein Geld zu verlieren, und nicht relativ zu einer Benchmark. Deshalb arbeiten wir konsequent mit dynamischen Stop- Loss-Marken.

Suchen die Kunden keinen Vergleich mit einer Benchmark?

Nein. Das ist vielleicht auch ein Zeichen der Zeit und eine interessante Entwick­lung. Es findet eine erfreulichen Normali­sierung der Anlagewelt statt: Die Kunden besinnen sich auf einfache Produkte oder Anlagestrategien, die sie verstehen.

Wie ist das Sentiment der Investoren?

Viele Anleger können nur schwer begrei­fen, was passiert, sie sind nervös und kön­nen die Signale, z. B. des Fed, kaum inter­pretieren. Die Erklärungen, was passiert, sind sehr komplex geworden, es ist schwer zu fassen, wo die Risiken liegen.

Wie lautet Ihre Antwort?

Wir und unsere Kunden verstehen die Ri­siken der Einzeltitel, kennen die entspre­chenden Unternehmen und wissen somit immer, was mit dem Vermögen los ist. Pragmatisch bleiben und schnell reagie­ren ist im jetzigen Umfeld zentral. Auch im Falle einer scharfen Marktkorrektur.

Wie ist Ihr Ausblick?

In den nächsten ein, zwei Jahren dürfte sich nicht viel verändern. Aktien dürften nach wie vor attraktiv sein, Obligationen weniger. In Bezug auf die Länderalloka­tion dürften wir uns noch mehr auf Europa fokussieren und weniger auf die USA. Das vollständige Versickern der noch vor kurzem allgegenwärtigen Euro- und EU-Zerfalls-Prophezeiungen ist nur einer der Gründe hierfür, wobei die Binnenkon­junktur der einzelnen Länder bei der Ak­tienauswahl wichtiger wird.

Haben Sie einen konkreten Aktientipp?

Ich möchte keine Einzelempfehlung ab­geben, weil die Investoren Kaufempfeh­lungen befolgen, Verkaufsempfehlungen aber gern missachten. Ich kann jedoch sa­gen, dass ich mich nicht wundern würde, wenn eine gewisse Rückabwicklung der Globalisierung stattfände. Das heisst, dass Schwellenländer zu hinterfragen sind und das Augenmerk auf europäische Anlagen gerichtet werden sollte.

Quelle: Finanz und Wirtschaft, 10.7.2013

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